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Ich kann nicht mehr, dachte sie. Erschöpft ließ sie sich auf dem Küchenstuhl nieder und stellte die vollen Einkaufstaschen neben sich auf dem Fußboden ab. Die weißen Plastikgriffe der Beutel hatten sich während des langen Fußwegs vom Geschäft bis zu ihrem Haus zu harten Schnüren gerollt. Vorsichtig legte sie die Hände auf ihren Schoß und wartete darauf, daß die Erstarrung endlich aus den Handmuskeln wich, wobei sie die von tiefen roten Furchen durchzogenen Handinnenflächen dem Oberkörper zuwandte. Sie schloß die Augen, während ihre Schultern in regelmäßigen Abständen zu zucken begannen. Wie sollte das nur weitergehen, dachte sie und schluckte schwer. Die drei Stockwerke bis zu ihrer Wohnung hinauf erschienen ihr immer öfter wie ein kaum zu bezwingender Berg. Langsam richtete sie ihren Oberkörper auf, legte mit letzter Kraft den linken Handrücken auf den unteren Bereich ihrer Wirbelsäule und lehnte sich vorsichtig wieder zurück. Die Wärme des alten Wollmantels, den sie immer noch trug, tat ihr gut, und sie überließ sich bereitwillig der schweren Müdigkeit, die nun ihren ganzen Körper erfaßte. Nur nicht einschlafen, fuhr es ihr abrupt in den Kopf. Als sie sich schließlich nach vorn beugte, um sich zu erheben, durchzog ein scharfer Schmerz ihren linken Unterarm und ließ sie innehalten. Nur noch zwei Minuten, bettelte sie leise, während sie ihre Hand wieder hinter dem Rücken hervorzog, aber sie wußte nicht so recht, wem ihre Bitte galt. Als sie ihre Augen wieder öffnete, erblickte sie das Kalenderblatt. Am Morgen, schon im Mantel, hatte sie es noch schnell abgerissen, aber dann achtlos auf den Tisch gelegt, ganz entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, genau in dem Augenblick, als sie bemerkt hatte, daß das Telefon klingelte. Sie nahm sich fast immer die Zeit, die Bibelstelle zu lesen, die auf dem Blatt geschrieben stand; es war ihr über die Jahre eine feste und liebe Gewohnheit geworden, auf „ihrer Insel“, wie sie die Minuten der andächtigen Stille zu nennen pflegte, zu verweilen. Inzwischen mochte sie diese Augenblicke nicht mehr missen. Ihre Freundin Marie war am anderen Ende der Leitung gewesen, erinnerte sie sich. Marie schien es sehr eilig gehabt zu haben, denn sie hatte ihr durch den Hörer nur kurz etwas zugerufen, bevor sie wieder auflegte. Was hatte Marie noch gesagt? Während sie darüber nachdachte, nestelte sie an ihrem Halstuch, denn die anfangs angenehme Wärme ihres schweren Mantels, der inzwischen wie ein Gewicht auf ihren Schultern lastete, begann, ihr langsam die Luft zu nehmen. Sie zog das Halstuch aus dem Mantelkragen und faltete es sorgfältig auf dem Tisch zusammen, wobei ihr einzelne Satzfetzen aus dem Telefonanruf wieder in den Sinn kamen: ... bei mir ... im Haus ... Parterre ... kleine Wohnung ... frei ... – Mit einem Mal war ihr die Wärme ihres Mantels unerträglich geworden. Sie erhob sich mühsam vom Küchenstuhl, schwankte leicht und suchte mit ihrer Hand nach der Tischkante. Dabei streifte sie das Kalenderblatt, das nun sanft zu Boden glitt und ihren Blick mit sich zog, bis er Halt fand an den Worten, die in schwarzen Buchstaben leicht vor ihren Augen tanzten: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28).
Gerhild Mölle (2002)
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